Kreatives Schreiben

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Anleitung und Aktivitäten zum Kreativen Schreiben
im Muttersprachlichen Unterricht

Zusammengestellt und bearbeitet von Brigitte Werner – SIL International, 2015

Der Inhalt darf für Lehrzwecke frei verwendet werden. Bei außerschulischen Veröffentlichungen bitten wir um Rücksprache mit der Verfasserin.

Vorbemerkungen:

Die hier vorgestellten Lektionen sollen Lehrkräften Ideen und Übungen bieten, wie sie ihre Schüler zum kreativen Schreiben anregen. Für eine Einheit sollten etwa 45 Minuten zur Verfügung stehen. Man könnte aber auch über mehrere Wochen in kleineren Zeiteinheiten an einer Geschichte arbeiten.

Die Lehrpersonen sollten sich bewusst machen, dass es in ihrer Muttersprache Stilunterschiede zwischen erfundenen Geschichten (Volksmärchen) und wahren Begebenheiten gibt. Nicht nur durch die Einleitung (cakê beno,…), sondern auch durch die Zeitform des Verbs werden die Unterschiede markiert (Märchen in Präsens, Begebenheiten in Vergangenheit). Die Schüler könnten diesen Stil zunächst durch das Hören von Geschichten kennenlernen und dann selbst beim Schreiben einüben.
Während der kreativen Schreibphase der Schüler sollte sich die Lehrkraft so lange mit Rechtschreib­korrekturen zurückhalten, bis der Schreibende mit dem Inhalt seiner Geschichte zufrieden ist. Dieses Vorgehen bewirkt, dass die Schüler ihr Schreiben mit mehr Selbstvertrauen angehen und in einen kreativen Schreibfluss kommen.  Zu frühe Unterbrechungen bremsen den Schreibfluss. Die Regel sollte lauten:  Lernende, die schreiben, niemals bremsen!
Die hier vorgestellten Aktivitäten sind sowohl für den Unterricht mit Kindern als auch mit Erwachsenen geeignet.

Inhalt:

1. Eine Anleitung oder ein Rezept schreiben.
3. Ein Künstler zu Gast (Maler, Autor, Musiker oder Handwerker)
4. Eine begonnene Geschichte weiterschreiben.
5. Die erste eigene Geschichte.
6. Geschichte erzählen, die ein Problem mit Lösung aufzeigt
7. Geschichte mit drei Gegenständen erfinden. 

 


1 Eine Anleitung oder ein Rezept schreiben

Diese Aktivität bietet die Möglichkeit, die Eltern der Schüler mit einzubeziehen. Als Hausaufgaben: „Wie mache ich Lahmacun?“ oder „Wie koche ich Linsensuppe?“ oder „Wie kann ich mithelfen, wenn Gäste kommen? (z.B. Tee servieren)“, können die Schüler die einzelnen Schritte mit ihren Eltern besprechen und zu Hause ein paar Notizen machen.

In der Unterrichtsstunde wird dann die Anleitung korrekt aufgeschrieben. Wie schon in den Vorbemerkungen notiert, sollte die Lehrkraft erst die Rechtschreibung korrigieren wenn der Aufsatz inhaltlich fertig ist.

Die fertigen Arbeiten können in der Klasse vorgelesen werden. Sie können auch für den Schulabschluss oder Elternabend als kleines Büchlein herausgegeben werden (im Copyshop herstellen). Evtl. Fotos von den fertigen Gerichten zufügen.

 


3 Ein Künstler zu Gast (Maler, Autor, Musiker oder Handwerker)

Die Lehrkraft lädt einen muttersprachlichen Künstler oder Handwerker in den Unterricht ein. Es kann eine ganz lockere Präsentationsstunde sein, bei der die Schüler dem Künstler oder Handwerker zuhören oder über die Schulter schauen. Alternativ kann die Klasse auch einen Ausflug in die Werkstatt des Künstlers machen.

In der nächsten Unterrichtsstunde schreiben alle Schüler einen „Miniaufsatz“ über den Besuch. Zur Hilfestellung können an der Tafel folgende Ausdrücke geschrieben werden:

  • letzte Woche besuchte uns ….
  • Ich würde auch gerne …. können
  • Nicht so gut fand ich ….
  • Das Schönste an der Vorstellung war …

Mit dieser Aktivität werden kulturelle Themen im Klassenraum lebendig.

 


4 Eine begonnene Geschichte weiterschreiben

Eine Geschichte, die an der spannendsten Stelle aufhört wird von der Lehrkraft oder einem Schüler vorgelesen.
Nun arbeiten die Schüler in Gruppen oder zu zweit. Sie überlegen sich mündlich den Fortgang und Schluss der Geschichte. Jede Gruppe kommt zu einem anderen Ergebnis. Ein Schüler pro Gruppe trägt nun mündlich die jeweilige Version vor. Nachdem die verschiedenen Versionen gemeinsam gehört wurden, entscheidet sich jeder Schüler für einen Schluss, den er selbst schreiben will.
Nun wird die begonnene Geschichte als Kopie ausgeteilt und ins Heft geklebt. Darunter wird der eigene Fortgang der Geschichte geschrieben. Wenn die Resultate gelungen sind, eignen sie sich auch für das Elternbüchlein.
Beispiel einer begonnen Erzählung:

Der Hirtenjunge Kaleb hat die Sommermonate hindurch eine große Herde Ziegen zu beauf­sichtigen. Er ist 12 Jahre alt und sehr mutig. Er ist jeden Tag alleine mit den Ziegen seiner Familie und seiner Nachbarn auf der Bergwiese, die nur 30 Minuten von seinem Dorf entfernt liegt.
Doch heute ziehen sich die Wolken ganz plötzlich schon am Vormittag zusammen, der Himmel färbt sich blau-violett. Nun grübelt Kaleb, ob er nach Hause eilen oder auf dem Berg bleiben soll.
Da klingelt plötzlich das Handy in seinem Rucksack…

 


5 Die erste eigene Geschichte

In mehreren Schritten wird das freie Schreiben einer Geschichte dargestellt:

5.1 Die Schüler entscheiden sich für ein Thema
Die Lehrkraft ermutigt die Schüler, etwas zu erzählen, was sie selbst erlebt haben, oder etwas Erdachtes, dass zur Jahreszeit passt. Es werden ein paar Themenvorschläge an die Tafel geschrieben, z.B. „Als ich mein erstes Haustier bekam“,  „Mein schlimmster Streit auf dem Schulhof“, „Wohin ich mal gerne in den Urlaub fahren würde“, „Mein traurigster Tag“. Dabei ist die Unterscheidung  ob es sich um ein Märchen oder eine wahre Begebenheit handelt wichtig zu beachten. Die verschiedenen Gattungen verlangen unterschiedliche Erzählstile (z.B. Zeitform des Verbs, Floskel am Geschichtenanfang und Geschichtenende).

5.2 Die Schüler schreiben einen ersten Entwurf
Nun beginnen die Schüler, ihre Geschichte aufzuschreiben. Da es sich um den ersten Entwurf handelt, bitte noch keine Korrektur der Rechtschreibung! Die Lehrkraft hilft nur mit Ideen zur Geschichte. Die Schüler sollen selbst formulieren.

5.3 Die Schüler lesen ihren Entwurf einem Partner vor
Nun soll jeder Schüler seine Geschichte einem anderen vorlesen. Der wiederum liest seine Geschichte dem Partner vor. Jetzt finden die Schüler selbst einige Fehler oder wollen ihre Sätze verbessern. Der Partner darf auch Verbesserungsvorschläge machen. Es geht hier noch vorrangig um den Inhalt, nicht die Rechtschreibung!

5.4 Die Schüler verbessern ihre Geschichte
Die Lehrkraft versucht mit jedem Geschichtenschreiber über mögliche Verbesserungen oder Änderungen in seiner Geschichte zu reden. Danach sollte jeder Schüler für sich an einem 2. Entwurf seiner Geschichte arbeiten. Er kann aber auch nur Verbesserungen in den Erstentwurf einfügen. Dann kann die Geschichte wieder einem (anderen oder demselben) Schülerpartner vorgelesen werden, wobei die Schüler selbst merken, wo etwas noch nicht so gut formuliert ist.
Erst wenn der Schreiber seine Geschichte nochmals so verbessert hat, dass sie ihm gefällt, sollte die Lehrkraft mit Rechtschreib- oder Grammatikfehlern helfen. Das zu frühe Eingreifen der Lehrkraft verunsichert und verlangsamt den Schreibfluss des Schülers.

5.5 Die Schüler lesen ihre Geschichte der Klasse vor

5.6 Die Geschichten können noch verziert werden
Die Klasse kann überlegen, ob es einen begabten Zeichner unter ihnen gibt, oder ob jeder für seine Geschichte selbst ein kleines Bild malt.

5.7 Die Geschichten kopieren und verteilen
Die Lehrkraft kann die Geschichten nun kopieren und ein kleines Heftchen im Copyshop herstellen, welches man zum Abschluss vor den Ferien (oder zu Weihnachten) den Schülern mit nach Hause gibt.
Die Geschichten könnten auch an einem Elternabend von den Schülern selbst vorgelesen werden. Das motiviert Eltern und Kinder.

 


6 Geschichte erzählen, die ein Problem mit Lösung aufzeigt

Es geht um die Schilderung einer gefährlichen oder unangenehmen Situation, die sich wirklich ereignen könnte oder ereignet hat. Dabei sollen sowohl das Problem als auch die Lösung oder die rettende Hilfe in der Erzählung vorkommen.
Die Lehrkraft gibt ein paar Beispiele. Man kann dann auch mit den Schülern Ideen zusammentragen (Brainstorming), z.B.

  1. „Auf dem Schulhof kommt ein großer Junge auf mich zu und behauptet, ich hätte ihm Geld gestohlen,…“
  2. „Ich soll auf meine zwei kleinen Cousinen aufpassen, aber ich schaue stattdessen fern und plötzlich sind beide nicht mehr in der Wohnung …“
  3. „Ich klettere auf einen hohen Kirschbaum. Als ich oben bin merke ich, dass ich nicht mehr herunterkomme…“

In kleineren Klassen kann sich jeder Schüler eine Geschichte ausdenken. In größeren Klassen kann dies als Gruppenarbeit geschehen. Einer aus der Gruppe schreibt, die anderen diktieren. Ein anderer kann die  Aufgabe übernehmen ein oder mehrere Bilder zu der Geschichte zu zeichnen.

 


7 Geschichte mit drei Gegenständen erfinden

Schüler erfinden eine Geschichte, wobei drei Gegenstände, die die Lehrkraft mitgebracht hat, in der Geschichte vorkommen sollen.

Die drei Gegenstände werden gut sichtbar vorne auf den Tisch gelegt.  Für ältere Schüler nimmt man drei Gegenstände, die nichts miteinander zu tun haben, z.B. Schere, Flasche, Stift, Kiste, Maßband, Armbanduhr, Seife.

Es folgt ein Beispiel einer Geschichte mit Zucker, Kissen und Seife:
Eines Tages erwartete meine Mutter Gäste. Ich sah in der Küche das Tablett, dass sie für den Tee vorbereitet hatte. Heimlich nahm ich 5 Stück Zucker weg. Ich versteckte sie in meinem Bett unter dem Kopfkissen. Damit meine Mutter nichts merkte, ging ich anschließend ins Badezimmer und wusch meine Hände mit Seife. Damals war ich noch sehr klein und dachte, dass man Zucker an meinen Händen riechen könnte.
Die Schüler können in Partnerarbeit eine Geschichte erfinden und mündlich vortragen. Die Klasse entscheidet, welche Geschichte am lustigsten ist. Nach den mündlichen Vorträgen schreiben die Schüler eine der erfundene Geschichten selbst auf.

 


Quellenangabe

Malone, Susan. 2012. Language Education Activities for early Grades in Mother Tongue-Based Multilingual Education Programs. Unpublished, work in progress.
Plauen, N.O. 1952, 1993. Vater und Sohn. Südverlag Konstanz.
Schönthaler, Marleen (Davar Curriculum – Bridging to Literacy). Unpublished, work in progress.
SIL International. 2001. International

Weitere Sammlung von geeigneten Bildergeschichten:

Press, Hans Jürgen. 2004. Der kleine Herr Jakob. Weinheim, Basel: Beltz&Gelberg.
Kostenloser Download verschiedener Bildergeschichten für Unterrichtszwecke im Internet unter: „Bildergeschichten-digitale Schule Bayern – Portal“

Weitere Sprachspiele im Internet:

http://www.lehrerweb.at/materials/gs/deutsch/sprechen/sonst/sprachspiele.pdf
http://deutsch.gr/img/17a27272d9d53953cbf6d182310e95ecKerkinopoulou_Spiele_fuer_den_Unterricht.pdf   (sehr kurz und bündig – man muss gut aussortieren)